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Ohne
gängigen Harmonielehren (z.B. von Lemacher/Schröder oder Maler) Sinnfälligkeit
und Qualität absprechen zu wollen, ist dem Fachdozenten hinlänglich
bekannt, dass sich junge Menschen vielfach damit sehr schwer tun, mag es
an den komprimierten Anforderungen liegen, an der einseitigen
Bevorzugung von Bezeichnungssystemen wie Stufen - oder Funktionslehre
oder an der mangelnden Animation zu eigenständiger praktischer
Umsetzung. Demnach gilt seit langem der Ruf nach einer neuen
Harmonielehre, richtiger formuliert: nach einer Neugestaltung der
Harmonielehre. In Ueckermanns bei Braun-Peretti 1999 erschienener
Kreativen Harmonielehre (Band I, der bis zu den Umkehrungen des
Dominantseptakkordes führt) gelingt nicht allein der entscheidende
Durchbruch, sondern ebenso ein exemplarischer Weg, selbst dem
musikinteressierten Laien, u.a. dank des reichhaltigen praktisch
erarbeitbaren Materials, einen nachhaltigen Zugang in die Ursubstanz
abendländischer Musik, die Harmonik, zu öffnen. Den ersten
wesentlichen Schritt sehe ich in der optischen Gestaltung des
Arbeitsbuches, die sich unmittelbar auf die Inhalte auswirkt: großformatig, was
z. B. der Übersichtlichkeit größerer Komplexe wie
Quintenzirkel zugute kommt, plastische Skizzierungen, knappe
Formulierungen bzw. auf das Notwendigste konzentrierte Kommentare,
Definition und Übersetzung jedes Terminus, eine durchweg unorthodoxe
Sprache, die Vermeidung isolierter Schritte, ausgewogen ansteigende
Anforderungen, unschulische Tests. Platz bleibt für eigene Notizen und
Aufgabenlösungen. Sind bei Übungen die Melodienvorlagen identisch
(z.B. S. 55f. u. 68f.), können sich dem Studierenden in Anbetracht des
fortschreitenden harmonischen Satzbaus dessen Variabilität und nicht
zuletzt seine persönlich gewachsenen Fähigkeiten intensiver einprägen.
Dazu zählt auch die Erfahrung in Funktions- und Stufenlehre,
Generalbass und Jazzharmonielehre, enger und weiter Lage. Im Anhang
finden sich zu allen Aufgaben Lösungsvorschläge. Die Leitmotivik des
Buches lautet: erst probieren, hören und singen, dann schriftliche und
theoretische Erhärtung. Breiter Raum fällt der Liedbegleitung zu. Das
Melodiegut ist international. Die Anregungen betreffen Begleitmuster,
auch rhythmische Varianten, Vor-, Zwischen- und Nachspiel, Struktur, Form
und Analyse. Dem Klavier-Nebenfächler kommen grifftechnische Übungen
und Fingersatztips zugute. Selbst die der Jugend eigene Vergesslichkeit
- eigentlich das Vorrecht des Alters – hat nach dem deutlichen Hinweis
”Vorzeichen eintragen!” keine Chance mehr, und die gelegentlich mit
einem arroganten Lächeln bedachte Feststellung ”Intervalle werden vom
unteren Ton aus ermittelt” (S.32) kann ich aus meiner Erfahrung nicht
genügend unterstreichen. Gehörbildung, Stimme und inneres Ohr sind unlöslicher
Bestandteil der Schrift. Trotz dieser stofflichen Fülle überrascht die
lockere und anschauliche Anlage von Ueckermanns Kreativer
Harmonielehre, die ein beachtliches Niveau besitzt.
Univ.-Prof.
Dr. phil. Klaus Körner
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Ernst
Ueckermann legt mit seiner Kreativen Harmonielehre einen Lehrgang vor,
der Lesern ohne Vorkenntnisse im Bereich Akkordlehre die Grundlagen
unseres Dur-Moll-Systems nahebringen möchte. In gut nachvollziehbaren
und deutlich gegliederten Schritten werden Dreiklänge und Intervalle
aus der Obertonreihe und unserem Konsonanz- bzw. Dissonanzempfinden
abgeleitet. Und auch die Skalen erklärt Ueckermann nicht allein
regelhaft, sondern lässt den Nutzer den spezifischen Spannungs- und
Entspannungscharakteristika hörend nachspüren. Es ist Prinzip des
gesamten Buches, dass sich die Umgangsweisen Hören, Spielen / Singen und
Wissen / Analysieren ständig durchdringen und dass jeder
Erkenntniszuwachs durch Übung und Anwendung vertieft wird. Die Großformatigkeit
trägt zur Übersichtlichkeit bei und macht das Heft durch angemessen
große Notensysteme zu einem gut nutzbaren Arbeitsbuch, aus dem man
”abspielen” und in das man hineinschreiben kann. Ueckermann verfolgt
nicht dogmatisch ein bestimmtes System, sondern versucht sowohl Termini
der Stufenlehre, der Funktionslehre und der Generalbassbezifferung und
der Jazzharmonik einzuführen. Sein Motto ist, dass Regeln allein der
Orientierung dienen, dass sie lediglich in bestimmten Zusammenhängen gültig
sind, dass sie aber niemals absolut zu setzen sind: ”Bei der
Auseinandersetzung mit der praktischen Harmonielehre sollte man daher
die Kreativität in den Vordergrund stellen, statt jeden kreativen
Ansatz mit Regeln zu verhindern!” (S.6)
Schematisches
Harmonisieren findet selbst bei einfachen Aufgaben, welche allein auf
Hauptdreiklängen in Grundstellung beschränkt sind, nicht statt.
Ueckermann legt in der Liedbegleitung bereits von Anfang an Wert darauf,
den Aufbau und den Charakter eines Liedes zu erkennen, um ihn dann
harmonisch und rhythmisch unterstützen zu können. Im Gegensatz zu
vielen traditionellen Harmonielehren tritt das schriftliche Aussetzen
zugunsten der Harmonisierung am Klavier in den Hintergrund. Der Autor
bietet im Lösungsteil des Bandes – dieser rechtfertigt den Untertitel
”Do it yourself” – zumeist unterschiedliche Anregung zur
Begleitung an. Und auch darin, dass er auf die Harmonisierung von
Bassstimmen verzichtet, setzt er sich von anderen Harmonielehrebüchern
ab, denn sein Ansatz versteht sich vorrangig als anwendungsbezogen. In
einem gewissen Widerspruch dazu stehen allerdings einige Seiten, auf
denen Modelle (Tonleitern, Kadenzen etc.) schematisch zu transponieren
und in dafür vorgesehene leere Notenzeilen einzutragen sind. Insgesamt
bietet dieser erste Band der ”Kreativen Harmonielehre” Autodidakten
und SchülerInnen und Studierenden mit geringen Vorkenntnissen viele
anschauliche Erklärungen und sinnvolle Materialien, um Harmonielehre
nicht als Pflichtfach, sondern als Instrument für einen lebendigen und
aktiven Umgang mit Musik zu erleben. Man darf gespannt sein, ob Ernst
Ueckermann seinen anwendungsbezogenen Ansatz im bereits angekündigten
zweiten Band auch dann durchzuhalten vermag, wenn die Materie komplexer
wird.
F.H.
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