Die hier dargestellten Rezensionen beziehen sich auf die Erstausgabe "Kreative Harmonielehre"; erschienen 1999 bei Braun-Peretti.

Prof. Dr. Klaus Körner

Über Ernst Ueckermanns
Kreative Harmonielehre

Dr. phil. Frauke Heß

Ernst Ueckermanns Kreative Harmonielehre. 
Ein Arbeitbuch im ”Do it yourself” - Verfahren.
Braun-Peretti 1999

Ohne gängigen Harmonielehren (z.B. von Lemacher/Schröder oder Maler) Sinnfälligkeit und Qualität absprechen zu wollen, ist dem Fachdozenten hinlänglich bekannt, dass sich junge Menschen vielfach damit sehr schwer tun, mag es an den komprimierten Anforderungen liegen, an der einseitigen Bevorzugung von Bezeichnungssystemen wie Stufen - oder Funktionslehre oder an der mangelnden Animation zu eigenständiger praktischer Umsetzung. Demnach gilt seit langem der Ruf nach einer neuen Harmonielehre, richtiger formuliert: nach einer Neugestaltung der Harmonielehre. In Ueckermanns bei Braun-Peretti 1999 erschienener Kreativen Harmonielehre (Band I, der bis zu den Umkehrungen des Dominantseptakkordes führt) gelingt nicht allein der entscheidende Durchbruch, sondern ebenso ein exemplarischer Weg, selbst dem musikinteressierten Laien, u.a. dank des reichhaltigen praktisch erarbeitbaren Materials, einen nachhaltigen Zugang in die Ursubstanz abendländischer Musik, die Harmonik, zu öffnen. Den ersten wesentlichen Schritt sehe ich in der optischen Gestaltung des Arbeitsbuches, die sich unmittelbar auf die Inhalte auswirkt: großformatig, was z. B. der Übersichtlichkeit größerer Komplexe wie Quintenzirkel zugute kommt, plastische Skizzierungen, knappe Formulierungen bzw. auf das Notwendigste konzentrierte Kommentare, Definition und Übersetzung jedes Terminus, eine durchweg unorthodoxe Sprache, die Vermeidung isolierter Schritte, ausgewogen ansteigende Anforderungen, unschulische Tests. Platz bleibt für eigene Notizen und Aufgabenlösungen. Sind bei Übungen die Melodienvorlagen identisch (z.B. S. 55f. u. 68f.), können sich dem Studierenden in Anbetracht des fortschreitenden harmonischen Satzbaus dessen Variabilität und nicht zuletzt seine persönlich gewachsenen Fähigkeiten intensiver einprägen. Dazu zählt auch die Erfahrung in Funktions- und Stufenlehre, Generalbass und Jazzharmonielehre, enger und weiter Lage. Im Anhang finden sich zu allen Aufgaben Lösungsvorschläge. Die Leitmotivik des Buches lautet: erst probieren, hören und singen, dann schriftliche und theoretische Erhärtung. Breiter Raum fällt der Liedbegleitung zu. Das Melodiegut ist international. Die Anregungen betreffen Begleitmuster, auch rhythmische Varianten, Vor-, Zwischen- und Nachspiel, Struktur, Form und Analyse. Dem Klavier-Nebenfächler kommen grifftechnische Übungen und Fingersatztips zugute. Selbst die der Jugend eigene Vergesslichkeit - eigentlich das Vorrecht des Alters – hat nach dem deutlichen Hinweis ”Vorzeichen eintragen!” keine Chance mehr, und die gelegentlich mit einem arroganten Lächeln bedachte Feststellung ”Intervalle werden vom unteren Ton aus ermittelt” (S.32) kann ich aus meiner Erfahrung nicht genügend unterstreichen. Gehörbildung, Stimme und inneres Ohr sind unlöslicher Bestandteil der Schrift. Trotz dieser stofflichen Fülle überrascht die lockere und anschauliche Anlage von Ueckermanns Kreativer Harmonielehre, die ein beachtliches Niveau besitzt.

Univ.-Prof. Dr. phil. Klaus Körner

Ernst Ueckermann legt mit seiner Kreativen Harmonielehre einen Lehrgang vor, der Lesern ohne Vorkenntnisse im Bereich Akkordlehre die Grundlagen unseres Dur-Moll-Systems nahebringen möchte. In gut nachvollziehbaren und deutlich gegliederten Schritten werden Dreiklänge und Intervalle aus der Obertonreihe und unserem Konsonanz- bzw. Dissonanzempfinden abgeleitet. Und auch die Skalen erklärt Ueckermann nicht allein regelhaft, sondern lässt den Nutzer den spezifischen Spannungs- und Entspannungscharakteristika hörend nachspüren. Es ist Prinzip des gesamten Buches, dass sich die Umgangsweisen Hören, Spielen / Singen und Wissen / Analysieren ständig durchdringen und dass jeder Erkenntniszuwachs durch Übung und Anwendung vertieft wird. Die Großformatigkeit trägt zur Übersichtlichkeit bei und macht das Heft durch angemessen große Notensysteme zu einem gut nutzbaren Arbeitsbuch, aus dem man ”abspielen” und in das man hineinschreiben kann. Ueckermann verfolgt nicht dogmatisch ein bestimmtes System, sondern versucht sowohl Termini der Stufenlehre, der Funktionslehre und der Generalbassbezifferung und der Jazzharmonik einzuführen. Sein Motto ist, dass Regeln allein der Orientierung dienen, dass sie lediglich in bestimmten Zusammenhängen gültig sind, dass sie aber niemals absolut zu setzen sind: ”Bei der Auseinandersetzung mit der praktischen Harmonielehre sollte man daher die Kreativität in den Vordergrund stellen, statt jeden kreativen Ansatz mit Regeln zu verhindern!” (S.6)

Schematisches Harmonisieren findet selbst bei einfachen Aufgaben, welche allein auf Hauptdreiklängen in Grundstellung beschränkt sind, nicht statt. Ueckermann legt in der Liedbegleitung bereits von Anfang an Wert darauf, den Aufbau und den Charakter eines Liedes zu erkennen, um ihn dann harmonisch und rhythmisch unterstützen zu können. Im Gegensatz zu vielen traditionellen Harmonielehren tritt das schriftliche Aussetzen zugunsten der Harmonisierung am Klavier in den Hintergrund. Der Autor bietet im Lösungsteil des Bandes – dieser rechtfertigt den Untertitel ”Do it yourself” – zumeist unterschiedliche Anregung zur Begleitung an. Und auch darin, dass er auf die Harmonisierung von Bassstimmen verzichtet, setzt er sich von anderen Harmonielehrebüchern ab, denn sein Ansatz versteht sich vorrangig als anwendungsbezogen. In einem gewissen Widerspruch dazu stehen allerdings einige Seiten, auf denen Modelle (Tonleitern, Kadenzen etc.) schematisch zu transponieren und in dafür vorgesehene leere Notenzeilen einzutragen sind. Insgesamt bietet dieser erste Band der ”Kreativen Harmonielehre” Autodidakten und SchülerInnen und Studierenden mit geringen Vorkenntnissen viele anschauliche Erklärungen und sinnvolle Materialien, um Harmonielehre nicht als Pflichtfach, sondern als Instrument für einen lebendigen und aktiven Umgang mit Musik zu erleben. Man darf gespannt sein, ob Ernst Ueckermann seinen anwendungsbezogenen Ansatz im bereits angekündigten zweiten Band auch dann durchzuhalten vermag, wenn die Materie komplexer wird.

F.H.


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